Schreibwerkstatt: Der Untergang der Titanic
Jahrgangsstufen 5 – 13
Meer ging immer! Seit er sich erinnern konnte, fuhr Kalle mit seinen Eltern in den Sommerferien an die Ostsee. Gut, er war noch nicht so alt und seine Erinnerungen einigermaßen übersichtlich, aber klar war, dass er sich jedes Jahr freute wie Bolle. Dass sie immer hierher kamen, hatte mit Mamas Oma zu tun, die im Krieg aus Danzig geflohen war.
Mama hatte das mal erklärt, hatte davon geredet, dass die Ostsee Vergangenheit und Gegenwart verbinde und es ganz egal sei, an welchem Ostseestrand man sitze, aber das war Kalle zu kompliziert gewesen und er hatte nach kurzer Zeit nicht mehr richtig zugehört. Entscheidend war doch, mal für drei Wochen aus Castrop-Rauxel rauszukommen – das fand sein Vater übrigens auch, dem es ansonsten ziemlich egal war, wo genau einmal im Jahr „Rausauscastroprauxel“ lag. Er wäre auch mal in die Berge gefahren, aber die Ostsee ging klar.
In diesem Jahr hatte der Urlaub richtig gut angefangen: Wie jedes Jahr machte Kalle einen Segelkurs. Er mochte es, wenn das Boot Fahrt aufnahm und er im Wind richtig was zu tun hatte, um auf Kurs zu bleiben. Und seine Mutter mochte die Segelschule, weil Kalle dort für ein paar Stunden am Tag gut beschäftigt war und weil dem Besitzer offensichtlich ein gewisser Sinn für schwarzen Humor zu eigen war, hatte er doch seinen Booten Namen wie Cimbria, Gustloff, Estonia oder Titanic gegeben. Von Titanic abgesehen sagten Kalle die Namen nichts, aber das war auch egal: Er hatte nicht vor, hier unterzugehen. Schon am zweiten Tag fand er Freunde, mit denen sich eine richtige Bande gründen ließ. Da war einmal Olek. Der war Pole und kam aus Danzig wie Kalles Uroma. „Gdańsk“ heiße das heute, hatte er sofort klargestellt. Dass er einigermaßen Deutsch sprach, lag an den Großeltern seines Vaters, die man bei der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg irgendwie vergessen hatte. Der Dritte im Bunde war Eric. Natürlich nannten sie ihn nur „den Wikinger“, und das passte ja auch zum Segelkurs. Eric stammte aus Nordfrankreich. Kohlerevier. Also auch irgendwie Castrop-Rauxel. Seine Familie hatte ermländische Wurzeln – und tatsächlich waren seine Vorfahren zuerst im Ruhrgebiet hängengeblieben, bevor sie dann der Spur der Kohle nach Frankreich folgten. Eric hatte seit drei Jahren Deutsch in der Schule. Und außerdem gab es ja noch Englisch. Kurz und gut: Die drei verstanden sich – und etwas zu entdecken oder zu erleben gab es am Meer ja immer. „Weimarer Dreieck“, hatte Kalles Mama die Bande genannt und geschmunzelt, aber das hatte Kalle nicht verstanden, allerdings dem Lächeln entnommen, dass seine Ferienfreundschaften in Ordnung gingen.
Tatsächlich war kein Tag wie der andere. Jeden Tag gab es neue Piraterien zu erleben – bis ein vom Wetterbericht versprochenes Zwischentief seinem Namen alle Ehre machte und an der Segelschule morgens ein Schild mit der Aufschrift „Heute geschlossen wegen Sturm“ im Wind heftig baumelte. Was also tun? Eric hatte zuerst die Idee: „Lasst uns mal die „Nis Randers“ besichtigen!“ Die „Nis Randers“, das war der Seenotrettungskreuzer in Prerow, den man vom Strand aus immer mal sehen konnte. Schwer beeindruckend war das, wenn die dort aufs Tempo drückten. Kalle und Olek waren sofort Feuer und Flamme. Die Eltern fanden das Vorhaben natürlich pädagogisch wertvoll, es könne schließlich nicht schaden, wenn man in den Ferien auch mal was lerne. Mit ihren Fahrrädern machten sich die drei Jungen auf den Weg zum Kreuzer. Die Führung war noch viel spannender als gedacht, und Kalle, Olek und Eric überschlugen sich mit ihren Fragen an den Kapitän, der eigentlich korrekt „Vormann“ hieß und sich sichtlich freute über so viel Interesse. Nachdem der Rest der Besuchergruppe das Schiff wieder verlassen hatte, brummte er also: „Lust auf einen Kakao und noch ein paar Rettungsgeschichten?“ Das musste er nicht zweimal fragen. Und Kakao ging sowieso immer. „Ihr könnt mich einfach Henk nennen – oder eben ,Vormann‘“, begann er, und so stellten sich Kalle, Olek und Eric auch erst einmal vor und berichteten von ihren Abenteuern in der Segelschule. „Ihr seid ja geradezu das personifizierte ,Weimarer Dreieck‘“, bemerkte Henk, und Kalle war für einen Moment stolz, dass der Vormann des Seenotrettungskreuzers und seine Mutter das Gleiche dachten, auch wenn er es immer noch nicht verstand. Dann erzählte Henk eine ganze Reihe ziemlich aufregender Geschichten, und die Jungen saugten alles auf wie Schwämme und hörten sogar gebannt zu, als er ganz sachlich berichtete, dass die organisierte Seenotrettung gar nicht weit von ihnen, nämlich drüben in Memel, dem heutigen Klaipėda, vor ziemlich genau 225 Jahren ihren Anfang genommen hatte. „Warten eure Eltern eigentlich gar nicht auf euch?“, fragte der Vormann irgendwann, und erst da bemerkten Kalle, Olek und Eric, dass sie die Zeit völlig aus den Augen verloren und nicht einmal an ihre Smartphones gedacht hatten, um ihre verspätete Rückkehr anzukündigen. Sie bedankten sich herzlich für den Kakao, grüßten Henk, indem sie salutierten, wie sie es aus irgendwelchen Seefahrer-Filmen kannten, und schwangen sich hurtig auf ihre Räder, nicht ohne zuvor jeweils schnell eine kurze Donnerwettervermeidungssprachnachricht an die Eltern geschickt zu haben. Schon auf dem Weg schmiedeten sie einen Plan für den Nachmittag.
Kalle kam nachmittags etwas zu spät, weil seine Eltern ihm dann doch noch einen erzieherischen Vortrag zum Themenkomplex „Pünktlichkeit und Verlässlichkeit“ gehalten hatten. Nur aufgrund seines Hinweises, dass er sich vor seinen neu gewonnenen Freunden „total“ blamiere, wenn er denen erklären müsse, „Stubenarrest“ zu haben, ließen sie ihn schließlich doch ziehen, begleitet von hinterhergerufenen Ermahnungen. Aber die konnte Kalle nicht hören: Der Wind war kräftig und stand günstig. Außerdem hatte der Regen nochmals zugenommen.
Er sah Olek und Eric schon von weitem in der Nähe der Segelschule stehen. „Alles klar, Jungs?“, rief er ihnen winkend entgegen. „Aye, aye, Vormann!“, kam prompt die Antwort. Sie würden heute dem Zwischentief trotzen und mit dem Seenotrettungskreuzer „Titanic“ die Küste vor Prerow sichern. Die drei hatten oft genug gesehen, wie einfach es war, die Segelboote ins Wasser zu kriegen. Ein paar Handgriffe reichten, sie mussten nicht einmal irgendwelche Schlösser knacken; nur über den Zaun hatten sie klettern müssen, aber das hatte sich als problemlos erwiesen. Unbeobachtet, weil bei dem Sauwetter gerade kein Mensch am Strand war, zogen sie die „Titanic“ ins Wasser, sprangen hinein und setzten Segel. Sofort erfasste sie eine kräftige Böe, und das Boot nahm ungewohnt schnell Fahrt auf. Das Segel flatterte kräftig im Wind, Regen peitschte in die Gesichter, und alle drei mussten alle Kraft aufwenden, sich irgendwo festzuhalten, weil die Wellen viel höher waren, als sie es jemals beim Segelkurs erlebt hatten. Das Boot trieb immer schneller immer weiter vom Strand weg. Ihr schöner Plan lief völlig aus dem Ruder. Kalle hätte gelacht über so ein Sprachspiel, aber das hier war nicht zum Lachen. Er umklammerte das Ruder. „Mist! Ich kriege das Ding nicht gedreht“, schrie er. Eric versuchte, das Segel einzuholen, aber das Boot schaukelte viel zu heftig in den größer werdenden Wellen, und er brauchte beide Hände, um sich festzuklammern. „Mince“, schrie er. Plötzlich riss das Segel, ein heftiger Windstoß gab dem Stoff den Rest. Der Strand war nicht mehr zu sehen. Olek hatte sich auf den Boden gelegt, irgendwie sein Smartphone aus der Hosentasche genestelt und versuchte verzweifelt Hilfe zu holen. Er kannte die Ostsee besser als die anderen beiden und ahnte, dass das hier lebensgefährlich war. „Cholera jasna!”, schrie er, „kein Netz! Wir sind verloren!” „Noch sinkt die Titanic nicht”, versuchte es Kalle mit Galgenhumor, aber niemand lachte, weil alle panische Angst hatten, ganz ohne Eisberg in der Ostsee zu versinken. Die nächste Welle erfasste das Boot. ...
Sind Kalle, Olek und Eric verloren? Wird ihre „Titanic“ untergehen? Oder gibt es eine Rettungsgeschichte zu erzählen? Die Idee zu dem abenteuerlichen Geschichtsanfang, den uns der Autor Christopher Wulff in diesem Jahr verfasst hat, geht auf das Projekt 4.1 „Schiff in Seenot!“ im diesjährigen Wettbewerb zurück. Seenotrettung hat seit ihren Anfängen an Bedeutung gewonnen und spielt natürlich nicht nur an der Ostsee eine wichtige Rolle. Und sie bietet Stoffe für unzählige Abenteuergeschichten. So wie die von Kalle, Olek und Eric!
Ihr seid gefragt Eure Aufgaben
Jahrgangsstufen 5 – 13
Setzt den Geschichtsanfang fort und bringt die Erzählung zu Ende! Wie ihr weitermacht, das entscheidet ihr selbst: Ihr könnt die Erzählperspektive beibehalten, ihr könnt aber auch aus der Perspektive Kalles, Oleks oder Erics in der Ich-Form weitererzählen. Selbstverständlich sind die Geschlechter nicht festgelegt: Auch hier entscheidet ihr – und natürlich könnt ihr dafür die Namen verändern! Vielleicht informiert ihr euch, bevor ihr zu schreiben beginnt, ein wenig über die Geschichte der Seenotrettung im Ostseeraum.
Wie immer bestimmt ihr die Textgattung und -sorte selbst: Roman, Erzählung, Kurzgeschichte, graphic novel, Tagebuch, Briefroman, Filmdrehbuch, Theaterstück etc., etc. – euch sind hier keine Grenzen gesetzt!
Ganz egal für welche Form ihr euch entscheidet, sind drei Dinge wichtig: Verlasst euch auf eure eigene Kreativität und benutzt bei diesem Projekt keine KI! Korrigiert euren Text sorgfältig, bevor ihr ihn einreicht, und gebt ihm eine ansprechende äußere Form, die ihn gut lesbar macht.
Viel Freude beim Schreiben!
Fachbereiche
Deutsch, Literatur, Geschichte, Religion, Philosophie, Theater-AG (auch fächer- und jahrgangsstufenübergreifend)
Arbeitsformen
Einzelarbeiten, Gruppenarbeiten, Partnerarbeiten, Facharbeiten (siehe Projekt 6.1)