Jugendliche lachen

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Literaturcafé

Jugendlicher sitzt verträumt am Fenster

3.2 Literaturcafé
Schreibwerkstatt: Begegnungen und Visionen

Projekt für die Jahrgangsstufen 5 – 13

„Damals dachten wir noch, es wäre irgendwann vorbei.“ Sirin schaute auf ihren Geschichtslehrer, der wiederum offenbar aus dem Fenster des menschenleeren Klassenzimmers auf den menschenleeren Schulhof blickte, bevor er sich langsam wieder der Kamera zuwandte und weiterredete:

„Es gab Lockerungen. Im ersten Jahr durften sogar noch Abschlussfeiern stattfinden. Aber was erzähle ich euch das. Ihr könnt euch das ohnehin nicht vorstellen.“

Damals – das war fast 40 Jahre her. Herr Konopka – so hieß der Geschichtslehrer – hatte gerade seine Stelle an der Erich-Mendelsohn-Schule angetreten. Er hatte schnell zu den Lehrern gehört, denen die Schüler vertrauten. Und daran hatte sich bis heute nichts geändert.

Sirin klickte sich kurz aus dem virtuellen Klassenzimmer, um mit Aga, ihrer besten Freundin, zu chatten: „Gleich wird er wieder sentimental.“ Sie kannte das: Auch ihre Großeltern erzählten manchmal von „damals“ oder „früher“. Und meist ging es dabei um das Gleiche, nur dass die Situationen andere waren: Die Menschen hatten gemeinsam Dinge unternommen, hatten sich getroffen, Sport getrieben, Konzerte mit Tausenden anderer Menschen besucht, Parties gefeiert in engen Kellern, ganze Nächte getanzt. Und die Menschen waren gereist, hatten sich andere Orte angesehen, waren anderen Menschen begegnet.

Sirin war bisher lediglich den Mitgliedern ihrer Familie begegnet. Aga hatte sie bei der ersten Videokonferenz in der fünften Klasse kennengelernt, das war jetzt einige Jahre her, aber natürlich hatten sie einander noch nie anders als über ihre Computer getroffen. Ging ja nicht. Sie hätten nicht einmal heiraten dürfen. Das wäre der einzige Weg, das Kontaktverbot auszuhebeln. Aber zwei Frauen konnten keine Kinder kriegen, um den Fortbestand der Menschheit zu garantieren, also war es ihnen, als die Pandemie nach einem Jahrzehnt noch nicht vorbei war, verboten worden zu heiraten. „Social distancing“ war zur Grundpflicht erklärt worden. Staatenbündnisse hatten sich aufgelöst. Europa, das war Geschichte, jeder lebte für sich allein, niemand stellte das mehr in Frage – und zugleich waren Relikte aus der Vergangenheit geblieben, wie etwa die Pflicht, am Schulunterricht teilzunehmen – online natürlich. Schöne neue Welt.

Sirin klinkte sich wieder in den Klassenraum zurück. Wie vermutet, hatte Herr Konopka seine sentimentalen fünf Minuten: „Am Anfang habe ich mich hier um den Schüleraustausch gekümmert. Als Erich-Mendelsohn-Schule hatten wir eine Partnerschule in Olsztyn, Mendelsohns Geburtsstadt. Das liegt in Polen, genauer gesagt in Masuren, im Nord-Osten.“ Hätte er gar nicht sagen müssen: Schon als er den Ort erwähnte, war auf den Bildschirmen der Schülerinnen und Schüler eine Karte aufgeploppt, auf der Olsztyn hervorgehoben war. „Einmal im Jahr gab’s ein Austauschprojekt. Die Polen kamen zu uns, und wir sind nach Polen gefahren. Im Linienbus. Unterkunft in den jeweiligen Familien. Da sind Freundschaften fürs Leben entstanden. Nicht nur zwischen den Schülern.“ Herr Konopka senkte den Blick, und Sirin war sich für einen Moment nicht sicher, ob das, was er sich mit einem Taschentuch von der Wange wischte, eine Träne war.

Als sie am Nachmittag über den Unterricht nachdachte, hatte sie fast alles vergessen, wie an den meisten Tagen. Warum sollte sie sich auch mit Goethes „Faust“ beschäftigen, wenn sie ihn doch nie im Theater sehen würde? Und warum sollte sie in Erdkunde irgendetwas über Bulgarien lernen, wenn sie doch den Rest ihres Lebens in ihrer oder einer anderen Wohnung verbringen würde? Und warum sollte sie in Kunst Gemälde analysieren, die sie nie zu Gesicht bekommen würde, weil alle Museen seit Jahrzehnten geschlossen waren.

Seltsamerweise hatte sie nicht vergessen, was Herr Konopka erzählt hatte: Was musste das für ein Gefühl sein, fremden Menschen in einem fremden Land richtig zu begegnen? Und überhaupt: ein fremdes Land. Natürlich kannte sie Polen aus dem Distanzunterricht. Der Erdkundelehrer lud ja ständig Filme hoch. Aber wie roch es da, wie fühlte sich der Wind an, den man in den Filmen hatte sehen können? Wie schmeckten die Speisen, die dort gegessen wurden?

Irgendwann war Sirin eingeschlafen und träumte davon, wie tausende Menschen einander begegneten, in unterschiedlichen Sprachen miteinander redeten, einander umarmten, lachten, glücklich waren.

Am nächsten Morgen wurde sie viel zu früh wach. Gelegenheit zum Nachdenken. Als es Zeit war, aufzustehen, schickte sie eine Sprachnachricht in die Klassengruppe, in der sie alle aufforderte, nach der letzten Stunde in die „Raucherecke“ zu kommen. So nannten sie den Chatroom, in dem nur die Klasse zusammenkam. Lehrer mussten draußen bleiben.

Sirin konnte das Ende des Unterrichts kaum erwarten. Am meisten Mühe hatte sie damit, sich ihre Aufregung während der Videokonferenzen nicht anmerken zu lassen. Endlich war auch die fürchterlich zähe Mathestunde vorbei. Alle klickten sich umgehend in die „Raucherecke“, selbst Bastian, der eigentlich immer zu spät war.

Sirin begann: „Leute, ich hatte letzte Nacht einen merkwürdigen Traum.“ Erstes gequältes Stöhnen einiger Klassenkameraden. „Ich meine es ernst“, machte Sirin weiter, „ich habe geträumt, wir würden genau das erleben, was uns Konopka gestern erzählt hat. In ein anderes Land reisen – von mir aus nach Polen, scheint ja ganz nett zu sein da – und mit anderen Menschen tolle Sachen draußen erleben. Und dann hab ich mich gefragt, warum die Pandemie überhaupt nicht mehr erwähnt wird. Was ich sagen will: Alle Menschen nehmen hin, dass sie da ist. Und bleiben isoliert. Was aber, wenn das gar nicht so ist? Wenn man vielleicht nur vergessen hat, uns zu sagen, dass es vorbei ist?“

______

Ja, was, wenn man den Menschen einfach nicht gesagt hat, dass sie einander wieder begegnen dürfen? Dass die Pandemie vorbei ist? Eine düstere Zukunftsvision, die der Bochumer Autor Christopher Wulff hier zeichnet. Aber das ist ja nicht das Ende, sondern nur der Anfang einer Geschichte. Schafft Sirin es, ihre Klasse dazu zu bringen, den gegebenen Zustand nicht länger hinzunehmen? Und wie gehen die Mädchen und Jungen das an? Wie erleben sie ihre ersten Begegnungen miteinander? Und steht am Ende womöglich ein Austausch, so wie früher, vielleicht sogar mit Herrn Konopka nach Olsztyn? Diese und andere Fragen bleibt der Autor schuldig. Und deshalb müsst Ihr Eure grauen Zellen in Schwung bringen und Eure Phantasie aktivieren! Wird aus der Dystopie am Ende doch noch eine Utopie?

Eure Aufgaben

Jahrgangsstufen 5 – 13

Knüpft an den Erzählanfang an und verfasst Euer eigenes Stück Literatur. Die Form Eures Textes bestimmt Ihr selbstverständlich selbst. Schreibt also eine Erzählung, eine Novelle, einen Roman, ein Tagebuch, einen Blog, eine Brief-, Mail-, Chat-Sammlung, ein Manga, eine Graphic Novel – oder auch ein Theaterstück, ein Hörspiel oder ein Filmdrehbuch usw.
Vergesst nicht, Euren Text sorgfältig zu korrigieren und in eine ansprechende äußere Form zu bringen, bevor Ihr ihn abschickt.

Fachbereiche

Arbeitsgemeinschaften für kreatives Schreiben, Deutsch, Literatur, Kunst (auch fächer- und jahrgangsstufenübergreifend)

Arbeitsformen

Einzelarbeiten, Partnerarbeiten, Gruppenarbeiten

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