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"Ich wollte noch einmal die Sonne sehen" - Auschwitz-Überlebende Erna de Vries trifft Führungskräfte der Bezirksregierung Münster

Regierungsvizepräsidenten Dorothee Feller-Elverfeld bedankte sich bei Erna de Vries

Regierungsvizepräsidenten Dorothee Feller-Elverfeld (r.) bedankte sich bei Erna de Vries (Mitte). Den Kontakt hatte Theo Schwedmann(l.), ehemaliger Mitarbeiter in der Schulabteilung hergestellt.

Münster. Im September 1943 kniet sich die 19-jährige Erna Korn auf dem Innenhof des Todesblocks im Vernichtungslagers Auschwitz auf den Boden und betet. Ihr einziger Wunsch: Einmal möchte Sie noch die Sonne sehen. Während um sie herum bereits Mitgefangene von SS-Aufsehern auf die Lastwagen getrieben werden und die Sonne über den Dächern des Lagers aufgeht, wird ihre Nummer gerufen. Die Nummer, die seit ihrer Ankunft im Lager auf ihren linken Unterarm tätowiert ist. In letzter Minute wird Erna, heute Erna de Vries, ins Konzentrationslager Ravensbrück verschickt. Sie entkommt Krieg und Verfolgung.

Von ihrem außergewöhnlichen Schicksal erzählte Erna de Vries am Montag (15.11.) jungen Führungskräften der Bezirksregierung Münster. Regierungsvizepräsidentin Dorothee Feller-Elverfeld hatte die Zeitzeugin im Rahmen einer regelmäßigen Veranstaltungsreihe eingeladen, in der sich dienstjüngere Führungskräfte der Bezirksregierung mehrmals jährlich mit historischen, staatsphilosophischen und anderen kulturellen Themen auseinandersetzen.

Eindrücklich erzählte Erna de Vries von ihrer Jugend in Kaiserslautern und der zunehmenden Diskriminierung und Ausgrenzung. Von der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, als ihr Wohnhaus verwüstet wurde und schließlich der Deportation im Juli 1943.

Um nicht von ihrer Mutter getrennt zu sein, folgt sie ihr freiwillig ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und arbeitet im Außenlager Harmense. Dort zieht sie sich eine schwere Entzündung am Bein zu, versucht sich aber den Blicken der Ärzte zu entziehen: "Wer krank war und zum Arzt ging, der kam nicht wieder". Schließlich werden ihre Wunden bei einer Selektion doch noch entdeckt und Erna de Vries als "untauglich" eingestuft. Sie wird daraufhin in den sogenannten "Todesblock" von Auschwitz verlegt um dort auf ihre Ermordung zu warten, doch das Blatt wendete sich in letzter Minute.

Als sogenannter "Mischling", ihr Vater war Protestant, entkommt sie der Vergasung und muss in Ravensbrück Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie leisten. Kurz vor ihrem Transport nach Ravensbrück sieht sie noch einmal ihre Mutter, die zu ihr sagt: "Du wirst überleben und erzählen".

Im Anschluss an ihren bewegenden Bericht beantwortete Frau de Vries die Fragen der jungen Führungskräfte und es entwickelte sich ein Gespräch, das durchaus auch aktuelle Bezüge fand. Vertrauen in ein politisches System habe sie nicht mehr fassen können, beantwortete Frau de Vries die Frage eines Teilnehmers, "wohl aber Vertrauen in Menschen." Generell habe sie sich nach ihrer Befreiung nicht mit Politik, sondern vielmehr mit dem Erlebten beschäftigt. Also auch nicht mit der Rolle der Behörden im Nationalsozialismus, die ein Teilnehmer zur Sprache gebracht hatte.

"Wenn so ein System erst entstanden ist, ist es zu spät. Man muss verhindern, dass es überhaupt wieder entstehen kann", betonte Regierungsvizepräsidentin Feller-Elverfeld. Deshalb sei es auch Ziel dieser und anderer Veranstaltungen zu sensibilisieren und aus der Geschichte zu lernen.

Zum Dank für ihren Besuch unterstützen die jungen Führungskräfte der Bezirksregierung ein Projekt zur Aufforstung Israels, das Erna de Vries seit vielen Jahren am Herzen liegt.

Im kommenden Jahr wird sich der Kreis der jungen Führungskräfte mit den Weltreligionen und speziell dem Islam auseinandersetzen.

16.11.2010

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