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Bundesverdienstkreuz für Marga Spiegel - RP verleiht Auszeichnung
Regierungspräsident Dr. Peter Paziorek (rechts) überreicht das Bundesverdienstkreuz an Marga Spiegel (links)
Die 1912 im hessischen Oberaula geborene Marga Spiegel hat durch ihr jahrzehntelanges Engagement im kulturellen und politischen Bereich auszeichnungswürdige Verdienste erworben.
Bereits in den 1920er Jahren des vergangenen Jahrhunderts musste die Tochter eines jüdischen Kaufmanns während der Schulzeit erste antisemitische Anfeindungen durch deutsche Lehrer erleben. Ihr Studium in Mathematik und Physik in Marburg musste sie 1936 wegen ihrer jüdischen Abstammung aufgeben und wurde der Universität verwiesen.
Danach arbeitete sie im Geschäft ihres Vaters in Oberaula. Bald darauf wurde es nach Boykott und Plünderung zwangsverkauft.
Im Jahr 1937 heiratete sie den aus dem westfälischen Ahlen stammenden Pferdehändler Siegmund Spiegel und zog zu ihm.
1938 kam Tochter Karin auf die Welt. Ein Jahr später wurde die Familie aus der Stadt vertrieben und flüchtete nach Dortmund. Weil ihr Mann im Oktober 1943 eine Vorladung zur Kontrolle seiner Arbeitspapiere erhielt und eine Deportation drohte, floh die Familie ins Münsterland. Unter höchster Gefahr für das eigene Leben versteckten fünf befreundeten Bauernfamilien die „Spiegels“ bis 1945 auf ihren Höfen. Wären Marga Spiegel und ihre Familie entdeckt und gefangen genommen worden, hätte das auch den sicheren Tod für rund 50 Menschen, bei denen die Spiegels unterkamen, bedeutet. Marga Spiegel konnte 1944 für sich und ihre Tochter „saubere“ Papiere beschaffen. Mit neuer Identität wurde die Gefahr entdeckt zu werden geringer. Weniger Glück hatten 37 Verwandte der Familie, die in der Zeit des Nationalsozialismus umkamen.
Nach dem zweiten Weltkrieg kehrte Marga Spiegel mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Ahlen zurück. Ihr Sohn Daniel wurde 1946 geboren. Tochter Karin zog in die USA, heiratete und bekam zwei Kinder. Im Mai 2005 verstarb sie. Bis zum Tode ihres Mannes im Jahr 1992 lebte Marga Spiegel in Ahlen. Danach zog sie nach Münster um.
Im Jahr 1965 veröffentlichte Marga Spiegel ihre Erinnerungen unter dem Titel „Retter in der Nacht“. Das Buch ist 45 Jahre nach der ersten Veröffentlichung in der fünften Auflage erschienen. Es gilt bis heute als wichtige Quelle für die Geschichte der westfälischen Juden zur Zeit des Holocaust. Den bisherigen Verkaufserlös von rund 14.000 Euro spendete sie dem israelischen Kinderkrankenhaus Assaf Harofeh in Münsters Partnerstadt Rishon le Zion.
Marga Spiegel ist es wichtig, dass die Gräueltaten des Dritten Reiches nicht in Vergessenheit geraten. Als Vertreterin der Christlich-Jüdischen Gemeinde in Münster besucht sie seit den 1970er Jahren in Kooperation mit der Volkshochschule verschiedene Veranstaltungen. Sie beteiligt sich mit begeisterndem Temperament an Gesprächen und Diskussionen, hält Lesungen und arbeitet in Gremien mit. Sie wirbt glaubwürdig für das Miteinander von Christen und Juden und baut Vorurteile ab. Besonders am Herzen liegen ihr junge Menschen, mit denen sie über ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der damaligen Zeit spricht. Mit ihren fast 100 Jahren geht sie noch heute in Münsteraner und Ahlener Schulen, um möglichst viele Schülerinnen und Schüler zu erreichen und als eine der wenigen noch lebenden Zeitzeuginnen ihre Erinnerungen weiterzugeben. Sie regt zum Nachdenken über Zivilcourage in der heutigen Zeit an und macht deutlich, was mit Mut und Menschlichkeit erreicht werden kann.
Das Drehbuch für den Film „Unter Bauern – Retter in der Nacht“ basiert auf dem Buch von Marga Spiegel und stellt die Haltung der westfälischen Bauern in den Vordergrund. Bei den Dreharbeiten im Jahr 2008 trug sie aktiv zur Verwirklichung des Films bei.
Für Marga Spiegel ist auch heute noch ein kleines Wunder, dass sie diese Zeit überlebt hat. Es sei ein gutes Gefühl, mit ihrem Buch und dem daraus entstandenen Film die Welt ein kleines bisschen besser gemacht zu haben.
Marga Spiegel, eine Tante des verstorbenen ehemaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, ist seit 2005 Ehrenmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Im Jahr 2008 erhielt sie die Ehrenmedaille der Stadt Ahlen.
Rede des Regierungspräsident Dr. Peter Paziorek (PDF 36 KB)
19.07.2010


