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Der Schuster fürs Pferd ist noch immer gefragt
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200 Prüfungen in 100 Jahren / Bezirksregierung Münster und Lehrschmiede Niemerg bilden den Nachwuchs aus / Selbst ein Friseur ließ sich umschulen
Münster. 277000 Pferde leben in Nordrhein-Westfalen. Sie alle brauchen Schuhe oder wenigstens eine ausgefeilte Pediküre. Beides erledigen ausgebildete Hufschmiede. Der Beruf boomt: Etwa 4000 bis 5000 Hufschmiede gibt es in Deutschland. Ausgebildet werden sie noch immer in Hufbeschlag-Lehrschmieden, die erstmals im 19. Jahrhundert in Deutschland auftauchten. Auch im Zeitalter von Automobil und Düsenjet bleibt der "Schuster für das Pferd" gefragt.
Die Lehrschmiede Niemerg in Münster war lange Zeit die einzige Ausbildungsstätte für Hufschmiede in Nordrhein-Westfalen. In den genau 100 Jahren ihres Bestehens hat sie 1460 Hufschmiede ausgebildet. In der vergangenen Woche stellten sich zum 200. Mal junge Männer und Frauen der Prüfungskommission unter dem Vorsitz von Dr. Siegfried Wissing von der Bezirksregierung Münster. Wissing: "Eine staatliche Kontrolle der Ausbildung ist wichtig, weil Hufschmiede ein großes veterinärmedizinisches Wissen nachweisen müssen." Dies diene dem Schutz und der Gesundheit des Hufes und damit der Erhaltung der Leistungsfähigkeit des Bewegungsapparates des Pferdes. Schließlich sei das Schmieden des Hufeisens nur ein kleiner Teil der Tätigkeit eines Hufschmiedes. Wichtiger seien die Beurteilung des Hufes und das Erkennen von Krankheiten oder Fehlbildungen. "Dann muss der Schmied ein orthopädisches Eisen anfertigen", so Wissing, "dies erfordert sehr viel Erfahrung und Wissen."
"Vor der Anmeldung des (...) Mannes zur Teilnahme an dem Lehrgang wird noch festgestellt werden müssen, ob er imstande ist, richtig zu schreiben und seinen Gedanken in klaren Worten Ausdruck zu geben", schrieb am 26. Februar 1906 der münstersche Regierungspräsident an eine Lehrschmiede. Heute hat sich das Bewerberprofil natürlich geändert. Grundsätzlich müssen Bewerber, die an dem viermonatigen Lehrgang in Münster teilnehmen möchten, bereits eine Gesellenprüfung in einem verwandten Beruf abgelegt haben. Dazu gehören Schmiede, Metallbauer, Werkzeugmacher, Stahlbauschlosser, Schiffsbauer oder Kraftfahrzeugmechaniker. Doch aufgrund des großen Bedarfes an Hufschmieden bekommen inzwischen auch andere Berufsgruppen als Quereinsteiger eine Chance. So hat die Lehrschmiede bereits Zahntechniker, Zimmermeister, Goldschmiede, einen Restaurantfachmann und sogar einen Friseur zum Hufschmied ausgebildet. Sie alle hatten allerdings bereits eine mehrjährige Erfahrung im Hufbeschlag. Dr. Wissing von der Bezirksregierung: "Vor dem Kursus müssen aber weiterhin alle Bewerber ein einjähriges Praktikum bei einem Hufschmied absolvieren. Weil wir jedoch festgestellt haben, dass bedauerlicherweise einige der Praktikanten als billige Hilfs-Arbeitskraft verwendet wurden und deswegen kaum Fachwissen und praktische Fähigkeiten erwarben, hat die Bezirksregierung Münster vor die Zulassung zur Lehrschmiede vor etwa zehn Jahren noch einen Eignungstest für alle Bewerber gestellt."
In den vergangenen Jahren haben in den acht Hufbeschlag-Lehrschmieden in Deutschland durchschnittlich 110 Schüler pro Jahr an Kursen teilgenommen. Die Hälfte von ihnen legte ihre Prüfung bei der Prüfungskommission der Bezirksregierung Münster ab, die in ganz NRW allein zuständig ist für diese Aufgabe. Die zweite NRW-Lehrschmiede befindet sich seit 1999 in Dortmund. Etwa zehn Prozent der Lehrlinge sind Frauen.
Die Dorfschmiede von einst gibt es heute nicht mehr. Die Schmiede fahren zum Kunden, haben ihren Heizofen und alle Geräte im Gepäck. Der Beschlag in der Schmiede ist vornehmlich auf die Herstellung spezieller Eisen beschränkt. "Es ist ein sehr schwerer Beruf mit großen körperlichen Anstrengungen", beschreibt der Inhaber der Lehrschmiede Niemerg, Bernhard Niehoff, die Tätigkeit. Zwölf Stunden Arbeit pro Tag seien keine Seltenheit, Wochend-Arbeit auch nicht. Etwa alle acht Wochen muss ein Pferd beschlagen werden, die Kosten liegen bei etwa 80 Euro für den "Rundumbeschlag". Niehoff: "Wer gut ist, hat viele Kunden und verdient entsprechend gut."
Alle acht Wochen neue Schuhe - davon können die meisten Menschen nur träumen.
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Das Stichwort:
Münster. Der Glaube an die Macht des Hufeisens ist in der ganzen Welt verbreitet, besonders aber im deutschsprachigen Raum. Es kursieren mehrere Erklärungen dafür, warum das Hufeisen für mindestens so mächtig gehalten wird wie ein vorüberlaufender Schornsteinfeger oder ein "Glücks"-Schwein.
Eine Version besagt, dass Pferde früher sehr wertvolle Tiere waren. Wer ein Hufeisen fand, hatte unwahrscheinliches Glück. Die Eisen mussten von einem Pferd getragen sein und man durfte sie nicht suchen, sondern nur zufällig finden. Auf den Türrahmen geschlagen, bringt das Hufeisen dem Haus und dem Besitzer Glück - allerdings nur, wenn die Öffnung nach unten zeigt. Das Glück unterliegt offenbar der Schwerkraft und muss auch nach unten herausströmen können...
Ein zweiter Erklärungsversuch begnügt sich damit, das Hufeisen mit dem aufgehenden Mond zu vergleichen - der ebenfalls starke, positiv geprägte symbolische Bedeutung hat.
Besonders abenteuerlich ist die Legende des englischen Bischofs Dunstan, der vor seiner Berufung zum Mann der Kirche ein geschickter Hufschmied war. Einst sei der Teufel zu ihm gekommen und habe verlangt, dass ihm der Bischof den Pferdefuß beschlagen solle. Dunstan holte seinen Hammer heraus und schlug so fest zu, dass der Teufel um Gnade winselte. Der Heilige hörte mit dem Hämmern aber erst auf, als der Teufel versprochen hatte, künftig all jene zu verschonen, die ein Hufeisen tragen.
18.05.2004




