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Die meisten Muslime lehnen Extremismus ab
Münster. „Die Mehrzahl der in Deutschland wohnenden Muslime folgt einem traditionellem Islam und identifiziert sich nicht mit extremistischen Strömungen.“ Das unterstrich jetzt der münstersche Islamwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Bauer bei einem Gespräch in der Bezirksregierung Münster. Der Direktor des Institutes für Arabistik und Islamwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster warnte vor dem Hintergrund des Irak-Krieges, der Terror-Organisation Al-Quaida und des Verhaltens des Diktators Sadam Hussein, die türkischen Mitbürger in Deutschland mitverantwortlich zu machen für extreme Auswüchse des Islam. Bauer: „Der Islam war schon immer eine Religion der verschiedenen Strömungen. Die unterschiedlichen Auslegungsmöglichkeiten des Koran gehören seit Jahrhunderten zu dieser Religion.“ Bauer war auf Einladung von Regierungspräsident Dr. Jörg Twenhöven zu einem Gespräch mit den Dezernenten der Schulabteilung in der Bezirksregierung zu Gast.
Bei dieser Gelegenheit trat der Islam-Wissenschaftler auch einigen Vorurteilen entgegen, die zum Teil von anderen Religionswissenschaftlern über den Islam verbreitet wurden. So sei Europa „nicht Teil des Hauses des Islam“, der angebliche globale Missionsanspruch des Islam sei mithin ein Produkt der Indoktrination durch einige muslimische Religionsgelehrte. Die Mehrheit der Religionsangehörigen vertrete jedoch nicht diese Meinung, so Bauer. Ebenso schwer hätten es jedoch auch diejenigen Muslime, die eine Annäherung des Islam an das westliche Wertesystem und die westliche Hemisphäre forderten. Bauer: „Dies sind Forderungen einiger intellektueller Muslime, die sich bisher jedoch nicht durchsetzen konnten.“
Während Wolfgang Koch, Leiter der Schulabteilung, die noch immer mangelnde Integration türkischer Schüler in deutschen Schulen beklagte, lieferte Bauer die Begründung: „Die Türken in Deutschland haben ein massives Sprachdefizit. Wenigstens 80 Prozent aller Probleme erwachsen aus dieser Tatsache.“ Rolf Kloppert, zuständig für die Aufsicht über Haupt- und Gesamtschulen, ist überzeugt, dass es auch einen mangelnden „Leidensdruck“ unter den Türken gebe: „Viele Türken bauen in Deutschland ihre eigene Welt auf, sie schaffen sich selbst Ghettos und sehen deswegen gar keine Notwendigkeit, deutsch zu lernen. Sie bleiben unter sich.“ Dies zeige sich auch daran, dass das Schulfach „Islamische Unterweisung“ im Regierungsbezirk Münster von den Türken zwar gewünscht werde. Es solle jedoch möglichst auf türkisch unterrichtet werden. Dies lehnt die Bezirksregierung jedoch ab.
Meinungsverschiedenheiten traten beim Thema „Kopftuch“ auf. Bauer vertrat eine sehr pragmatische Meinung: „Das Kopftuch an sich ist kein religiöses Symbol. Wer es trägt, will nicht missionieren. Viele türkische Frauen fühlen sich durch das Kopftuch geschützt – oder wollen ihre Eigenständigkeit als Frau unterstreichen.“ Bauer plädierte dafür, in Schulen grundsätzlich keine Kleiderordnung vorzuschreiben – eine Ansicht, die von den Schul-Fachleuten in dieser Klarheit nicht geteilt wurde. Die mit dieser Frage befassten Dezernenten wiesen darauf hin, dass oft gerade von den türkischen Schülern und Eltern gefordert werde, auf das Kopftuch zu verzichten – denn in der Türkei sei das Tragen des Kopftuches in den Schulen ebenfalls verboten.
04.09.2003

