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Schuljahrespressekonferenz
Von der Drehbank ans Lehrerpult
Seiteneinsteiger sichern Unterricht an Schulen im Regierungsbezirk
Münster. Sie haben Germanistik studiert oder Maschinenbau, Vermessung oder Architektur. Sie wollten alles werden - aber nicht Lehrer. Und doch sind es diese Studienabgänger, die den Schulen im Regierungsbezirk Münster helfen, die höchste Schülerzahl seit Jahrzehnten zu unterrichten. "Seiteneinsteiger" heißen die Lehrer, die sich an der Universität nicht für die Schule ausbilden ließen, sondern andere Perspektiven suchten. Der schwierige Akademiker-Arbeitsmarkt oder eine persönliche Neuorientierung sind die häufigsten Gründe. Anfang dieser Woche haben im Regierungsbezirk Münster 94 Männer und Frauen den Weg in die Schule gefunden. Unzählige Bewerbungen stapeln sich noch in der Schulabteilung der Bezirksregierung Münster. "Wir freuen uns über diesen Andrang auf das Lehramt", betonte Regierungspräsident Dr. Jörg Twenhöven heute (18. September) in Münster. "Es zeigt uns, dass der Lehrerberuf nach wie vor beliebt ist - und es hilft uns, die über 360 000 Schüler in unserem Bezirk besser zu unterrichten." Seit mehr als zehn Jahren steigen die Schülerzahlen in ganz NRW ständig, so auch in Münster. So drückten im Jahr 1990 "nur" 255 000 Kinder und Jugendliche im Regierungsbezirk Münster die Schulbank.
Die Seiteneinsteiger haben in der Regel ein fundiertes Fachwissen, jedoch keinerlei pädagogische oder methodische Kenntnisse. Um sie fit zu machen für die Schule werden sie in Studienseminaren zwei Jahre lang nachqualifiziert. Ein Tag in der Woche steht dafür zur Verfügung. "Die Ausbildungsmaxime ist dabei das training on the job", stellte Schulabteilungsleiter Wolfgang Koch klar. Die Fachleiter helfen den "Nicht-Lehrern", ein Profil zu entwickeln und die Methodik des Unterrichtens zu lernen. Die Begleitung während der Schulstunden ist ein wesentliches Element der Ausbildung. Je nach Vorbildung haben die Seiteneinsteiger die Möglichkeit, sogar das zweite Staatsexamen zu absolvieren und verbeamtet zu werden.
Die Seiteneinsteiger können im gesamten Bereich der Sekundarstufe I unterrichten; das sind die Haupt-, Real-, Abendreal- und Gesamtschulen (Klasse 5-10) sowie in der Sekundarstufe II in den Berufskollegs. Auch wer keines der klassischen Unterrichtsfächer studiert hat, kann durchaus eine Chance bekommen: "Im Zweifel fragen wir beim Staatlichen Prüfungsamt an der Universität nach und schauen uns die Leistungsnachweise der Bewerber an. Wenn wir dann feststellen, dass der Bewerber seinen Studien-Schwerpunkt passend gelegt hat, steht einer Einstellung nichts im Wege", so Koch abschließend.
Vor einer Herausforderung ganz anderer Art stehen zurzeit die 32 Schulen im Regierungsbezirk Münster, die am Modellprojekt "Offene Ganztagsschule" teilnehmen. Ausgestattet mit Zuschüssen von Land und Bund starten sie in diesen Tagen die Betreuung von Kindern auch über den eigentlichen Unterricht hinaus. Das Land NRW bezuschusst die Schule mit 1,22 Millionen Euro, der Bund fördert Investitionen allein im Regierungsbezirk Münster mit über 7 Millionen Euro. Für das nächste Jahr stehen noch einmal 1,79 Millionen Euro bereit. "Mit dieser Finanzausstattung und der Beteiligung der Kommunen und der Eltern ist es den Schulen möglich, eine qualitativ hochwertige Betreuung aufzubauen", ist Dr. Twenhöven überzeugt. Ein wesentliches Element des Modellprojektes sei jedoch die Eigeninitiative der Schulen. Die Betreuungskonzepte müssten selbst entwickelt werden, die Schulen müssten in ihrem Umfeld schauen, welche Vereine, Initiativen oder Verbände in Frage kommen, regelmäßige Betreuung zu leisten. Twenhöven: "Dies ist eine doppelte Chance: Die Schulen öffnen sich der Gesellschaft und sind kein geschlossenes System für sich. Die Vereine haben Gelegenheit, ihr Anliegen schon Grundschülern näher zu bringen."
"Aus familienpolitischer Sicht strebt die offene Ganztagsschule eine bessere Vereinbarkeit von Schule und Beruf an. Schulpolitisch betrachtet ist sie eine von mehreren Konsequenzen aus den Ergebnissen der PISA-Studie", so Koch. Ziel sei es, bis 2007 alle Ganztagsangebote unter dem Dach der Schule zu vereinen. Dazu gehören auch Horte sowie alternative Betreuungsangebote der Schulen (zum Beispiel das Programm 13 Plus).
In den folgenden Kommunen nehmen die offenen Ganztagsschulen ihren Betrieb auf: Bottrop (1), Gelsenkirchen (1), Münster (11), Kreis Borken (1), Kreis Recklinghausen (11), Kreis Steinfurt (7).
Am Modellprojekt "Selbstständige Schule" nehmen seit einem Jahr bereits 40 Schulen im Regierungsbezirk Münster teil. Weitere sieben Schulen kommen zum Schuljahr 2003/2004 hinzu. Somit sind alle Schulformen in diesem Modellprojekt vertreten. Die Bezirksregierung Münster hat inzwischen alle beteiligten Schulen vollständig mit Lehrerstellen versorgt, erste Vorhaben wurden an den Schulen in Angriff genommen und Steuergruppen haben sich fortgebildet. Zwei Drittel der Schulleiter in den Modellschulen haben die Eigenschaft eines Dienstvorgesetzten und damit eine Vorreiterrolle im Land übernommen.
18.09.2003

