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Aus Ibbenbüren in den Tod

Münster/Ibbenbüren (brms). Die Nazis waren korrekt. Wen sie in den Tod schickten, meldeten sie ordnungsgemäß beim Einwohnermeldeamt der Heimatstadt ab. „Clara Diekmann, wohnhaft Püsselbüren 37 a, ist auf Veranlassung der geheimen Staatspolizei abgemeldet nach unbekannt“, heißt es da. Der Eintrag stammt aus dem Jahr 1941. „Abgemeldet nach unbekannt“, das ist eine zynische Umschreibung dessen, was die 51-jährige wirklich erleben musste. Sie war verschollen in Riga, und das hieß in der damaligen Zeit: Sie starb im dortigen Ghetto, ermordet von den Nazis wie so viele andere Juden aus Ibbenbüren.

Die Nachbarn: „Können sich nicht erinnern“. Der Sohn von Clara Diekmann: „Mochte nicht darüber sprechen“. Dokumente von damals: „Wir haben nicht viele gefunden.“ Dies sind die Kommentare von Schülern aus Ibbenbüren und Münster, die sich gemeinsam mit ihrem Lehrer Jürgen Düttmann vom Goethe-Gymnasium Ibbenbüren monatelang mit dem Schicksal der Jüdin Clara Diekmann beschäftigt haben. Sie arbeiteten im Projekt „Nachbarn von nebenan – verschollen in Riga“ mit, das Schüler aus mehreren europäischen Staaten jetzt mit einer Fahrt nach Riga abschlossen. Das „Riga-Projekt“, wie es kurz heißt, wird unterstützt von der Villa ten Hompel in Münster, der Stadt Münster, dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Pax Christi, dem Auswärtigen Amt und der Bezirksregierung Münster. Die Schirmherrschaft hat NRW-Innenminister Dr. Fritz Behrens inne.

„In Ibbenbüren gab es zu dieser Zeit alles, was es im übrigen Deutschland auch gab“, resümiert Daniel Wichmann, einer der Schüler. Das haben die Projektteilnehmer zwar schon vorher vermutet. Doch es überraschte doch, dass auch in einem damals relativ kleinen Ort, in dem sich die meisten noch persönlich kennen, beispielsweise in der Reichpogromnacht am 9. November 1938 die Synagoge brannte und die Geschäfte jüdischer Mitbürger zerstört wurden. Die Ibbenbürener waren in dieser Hinsicht besonders „pflichtbewusst“: „Weil es hier nicht genügend Nazis gab für die Pogromnacht, hat sich die Stadt Helfer aus dem Umland quasi ausgeliehen. Die kamen nach Ibbenbüren und unterstützten die Nazis“, schildert Stefan Kortemeier vom Goethe-Gymnasium.

„Past to present – get history rolling“ heißt das übergreifende Projekt, das bereits unter der Leitung von Horst Wiechers aus Münster zum dritten Mal Schüler aus Europa zusammenführte. In der aktuellen Arbeit zum Thema „Verschollen in Riga“ saßen Jugendliche aus Deutschland, Lettland, Österreich und Tschechien an einem Tisch. Sie erforschten in ihren Heimatstädten Ibbenbüren, Riga, Wien und Prag die Schicksale jüdischer Bürger, verfolgten ihren Lebensweg und versuchten während des Besuches in Riga Ende 2002, die Spur im Ghetto wieder aufzunehmen, mit Zeitzeugen zu sprechen – und Kriegsgräber zu pflegen. Ein Aspekt, den Peter Steffens vom Bezirksverband Münster der Kriegsgräberfürsorge besonders am Herzen liegt: „Wir suchen die Kooperation mit Jugendlichen, um die Erinnerung an die Gefallenen des Krieges wach zu halten. Wenn Sie Schicksale von damals erforschen, ist dies deshalb ganz in unserem Sinne. Und die deutschen Kriegsgräber im Ausland stellen noch immer die Stein gewordene Mahnung für den Frieden dar.“

Die Ergebnisse des Riga-Projektes sind nachzulesen auf den Internetseiten „pasttopresent.org“, die von Jan Schröder und Richard Scherping vom Kant-Gymnasium in Münster-Hiltrup programmiert worden sind.

05.09.2003

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